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Wie du den Ankereffekt an der Börse erkennst und Denkfehler vermeidest

Wir alle glauben, dass wir gut informierte und rationale Entscheidungen treffen. Und doch unterliegen wir unseren Gefühlen, Denkfehlern und Fehlwahrnehmungen. Nur wer Denkfehler kennt, kann sie bei seinen eigenen Entscheidungen vermeiden. 

Denkfehler an der Börse fallen in den Bereich Behavioral Finance. Diese Disziplin beschäftigt sich damit, wie Anlageentscheidungen zustandekommen und welche Fehler dabei Investoren immer wieder machen. In diesem Beitrag stelle ich deswegen den Ankereffekt vor und zeige, wie du ihn vermeiden kannst.

Symbolbild-Ankereffekt an der Börse. Anker hängt von einem Schiff herab
Menschen haben kein "Gefühl für Zahlen". Deswegen kann uns ein sogenannter "Anker" leicht beeinflussen.

Wir haben kein Gefühl für Zahlen

Schon in den 1970er Jahren haben die beiden prominenten Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman im Rahmen von experimentellen Untersuchungen belegt, dass wir für Zahlen “kein Gefühl” haben und uns leicht beeinflussen lassen.

Statt rationale Entscheidungen zu treffen, bilden wir uns blitzschnell eine nicht selten ziemlich unvernünftige Meinung (Heuristik) zu sehr komplexen Sachverhalten.

Wir schätzen den “wahren” Wert von Gütern nicht richtig ein

Für die Welt der Finanzen liefert der Verhaltensökonomen Dan Ariely das perfekte Beispiel. Er führte ein Experiment durch, in welchem eine Weinflasche versteigert wurde

Vor der Versteigerung sollten seine Probanden die letzten beiden Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer auf einen Zettel schreiben. Daraufhin fragte er, zu welchem Preis sie die besagte Weinflasche kaufen würden.

Man sollte meinen, dass die zwei letzten Ziffern der Sozialversicherungsnummer völlig zufällige Zahlen sind und keinen Effekte auf die Kaufentscheidung der Probanden haben. Doch es kam anders:

  • Probanden mit einer niedrigen Endziffer waren bereit, im Schnitt 8,64 Dollar für den Wein zu bezahlen.
  • Wer hingegen eine große Endziffer notiert hatte, war bereit, den Wein für durchschnittlich 27,91 Dollar auszugeben.

Weitere interessante Beispiele rund um die Entscheidungsfindung findest du in seinem TEDtalk:

Der Ankereffekt leicht erklärt

Um den Wert einer Sache bemessen zu können, sucht unser Gehirn nach Vergleichswerten. Da wir trotz Mathematikunterricht in der Schule für Zahlen ein extrem schlechtes Einschätzungsvermögen haben, reicht unserem Gehirn zur Not auch eine völlig zufällige Zahl als Vergleich.

Das könnte dir nie passieren?

Wahrscheinlich schon!

Denn dem Ankereffekt unterliegen bei weitem nicht nur Laien, sondern auch Experten – wie ein Experiment mit Immobilienexperten und Studenten zeigen konnte. 

Selbst Experten unterliegen dem Ankereffekt

Northcraft und Neale haben Immobilienexperten und Studenten gebeten, Immobilienpreise zu schätzen. Experten und Studenten wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt. Alle Teilnehmer erhielten eine mehrseitige Broschüre mit vielen relevanten Informationen.

Der einzige Unterschied der beiden Gruppen: Die beiden Gruppen erhielten je einen anderen Listenpreis, also einen anderen Anker.

Das Ergebnis: Beide Gruppen, sowohl Experten als auch Amateure, ließen ihre Schätzung von den angegebenen Listenpreisen stark beeinflussen. Auch die Einschätzung eines Experten war nicht mehr vor dem Ankereffekt gefeit als die Einschätzung des Amateurs.

Wie beeinflusst dich der Ankereffekt an der Börse?

An der Börse sind wir jederzeit solchen “Ankern” ausgesetzt. Neben dem aktuellen Kurs von Wertpapieren ist der emotionalste und damit der wahrscheinlich stärkste Anker der eigene Kaufkurs.

Achtung: Nicht den eigenen Kaufkurs überbewerten!

Vielleicht hast du folgendes Verhalten schon bei dir selbst beobachtet: Wenn der Kurs eines Wertpapiers unter deinen Kaufkurs fällt, scheust du dich vor dem Verkauf. Schließlich würdest du deinen Verlust realisieren.

Stattdessen wartest du ab, bis der Kurs deinen Kaufkurs wieder überschreitet. Doch dein Kaufkurs ist eine völlig subjektive Marke, die der Markt nicht kennt und nicht beachten wird. Nur für dich ist der Kaufkurs relevant, für niemanden sonst. Der Kurs wird nicht steigen, nur weil dein Kaufkurs unterschritten wurde.

Dein Kaufkurs ist also ein extrem schlechter Ratgeber für die Entscheidung, ein Wertpapier zu verkaufen oder nicht.

Achtung: Lass dich nicht von Börsennachrichten oder Kurszielen “ankern”!

Die Finanzbranche ist gespickt mit Ankern seien es Kursziele oder Einschätzungen von Analysten. All diese Informationen verleiten uns dazu, unseren aktuellen Kaufkurs als mehr oder weniger gerechtfertigt einzuschätzen.

Wie kannst du den Ankereffekt vermeiden?

1. Sei dir im klaren darüber, dass es den Ankereffekt gibt.

Denn nur, wenn du weißt, worauf du achten musst, kannst du informierte Entscheidungen treffen. Stell dir also immer die Frage, ob du bei deiner Bewertung eines Wertpapiers einem Anker unterliegen könntest.

Das soll natürlich nicht heißen, dass Analystenschätzungen und aktuelle Börsen News keine relevanten Hinweise sind im Gegenteil. Aber die Kenntnis, dass es einen Ankereffekt gibt, macht eine mögliche irrationale Entscheidung unwahrscheinlicher.

2. Versuche immer wieder den “fairen” Wert eines Wertpapiers zu ermitteln

Anstatt dich also von den neuesten Analystenschätzungen „verankern“ zu lassen, solltest du dir einen möglichst objektiven und konservativen Bewertungsrahmen schaffen.

Hierzu ziehst du idealerweise Aktienkennzahlen zur rate und machst einen Branchenvergleich. Beispielsweise kannst du dir folgende Fragen stellen:

  • Ist das KGV eines Unternehmen im Vergleich zu anderen Unternehmen derselben Branche eher hoch oder eher niedrig?
  • Gibt es gute Gründe für diese Unterschiede? 
  • Spielt die aktuelle Nachrichtenlage bei dem Kurs eine Rolle? Heizt beispielsweise der CEO des Unternehmens den Kurs immer weiter in die Höhe (Beispiel: Elon Musk und Tesla)?
  • An der Börse wird die Zukunft gehandelt: Welche Wachstumsrate nimmt der Markt aktuell an und ist diese realistisch?“

3. Nutze den Ankereffekt in Gehaltsgesprächen und Preisverhandlungen

Sobald du verstanden hast, wie der Ankereffekt funktioniert, kannst du ihn gewinnbringend in deinem Alltag einsetzen: 

  • Du glaubst 10% mehr Gehalt in deinem aktuellen Job ist gerechtfertigt? Dann solltest du in deiner nächsten Gehaltsverhandlung mit einer 20% höheren Gehaltsvorstellung einsteigen. So setzt du direkt zum Anfang deines Gesprächs einen Anker, an dem sich dein Gegenüber orientiert. Wenn am Ende nur ein 10 oder 15% höheres Gehalt für dich rausspringt, hast du dein Ziel erreicht und alles richtig gemacht. 
  • Du ziehst bei Preisverhandlungen gefühlt immer den Kürzeren? Der Ankereffekt kann für dich arbeiten. Gib beim Kauf immer einen niedrigeren bzw. beim Verkauf immer einen höheren Preis an. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dein Gegenüber an diesem Preis orientiert, ist durch den Ankereffekt hoch.

In beiden Fällen solltest du natürlich stets die Verhältnismäßigkeit wahren. Rennst du mit einem komplett unrealistischen Preis in eine Verhandlung, findet womöglich gar keine Verhandlung statt, weil dein Gegenüber dein Angebot direkt ablehnt. Hier ist also Fingerspitzengefühl gefragt!

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