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Vorsicht vor dem Home Bias: Nicht (nur) vor der eigenen Haustür investieren

Je unbekannter uns ein Finanzprodukt ist, desto riskanter schätzen wir es ein und umgekehrt. Diese Intuition scheint auf den ersten Blick nachvollziehbar und rational: Investiere in nichts, was du nicht kennst oder nicht verstehst. Gleichzeitig verleitet diese Intuition viele Anleger dazu, vor allem in Wertpapiere aus dem Heimatmarkt zu investieren. Der Home Bias und damit ein Klumpenrisiko droht.

 

Wurststand, Symbolbild für den Wertpapierkauf auf dem Heimatmarkt
Denkfehler Home Bias: Auf dem Heimatmarkt sind die Risiken nicht per se geringer als auf anderen Märkten.

Was ist der Home Bias? Eine Definition.

Dass es ein Vorurteil (Bias) zugunsten des jeweiligen Heimatstandortes an der Börse gibt, zeigten die beiden Forscher Kilka und Weber bereits im Jahre 2000 in einem Experiment. Sie ließen amerikanische und deutsche Studierende die Renditeentwicklung und das Risiko von amerikanischen und deutschen Aktien einschätzen. Die Schätzungen der Studierenden waren jeweils zugunsten der heimischen Aktien verzerrt. Die Rendite der heimischen Aktien wurden deutlich höher und ihre Risiken deutlich niedriger geschätzt, als dies der ausländischen Aktien.

Damit fällt der Home Bis in die verhaltensbasierte Finanztheorie (Behavioral Finance). Hier wird systematisches Fehlverhalten von Anlegern thematisiert und die psychologischen Ursachen solcher Denkfehler werden analysiert.

Warum man in Heimatwerte investieren sollte und warum nicht

Es spricht natürlich nichts dagegen, wenn du dein Portfolio mit Werten des eigenen Landes ergänzt. Das ist beispielsweise im Rahmen der Core-Satellite-Strategie nicht unüblich. Die Voraussetzung für so eine Strategie sind jedoch risikobewusste Entscheidungen, die auf guten Gründen basieren sollten. Und es gibt gute Gründe und schlechte Gründe, um in Heimatwerte zu investieren.

Das Problem: Investiert man vor allem in Heimataktien, droht ein Übergewicht an bestimmten Wertpapieren aus einer Branche oder einem Land.

Die Folge: Das Portfolio ist nicht ausreichend stark diversifiziert, es entsteht ein sogenanntes Klumpenrisiken.

Das Risiko: Der Depotwert ist schwankungsanfälliger. Die Rendite ist weniger stabil und nicht erwartbar.

Insbesondere unter deutschen Anlegern ist der Home Bias weit verbreitetet. Je nachdem, welche Quellen man zurate zieht, halten deutsche Anleger im Schnitt 50 % deutsche Aktientitel in ihren Portfolios. Zum Vergleich: Im MSCI ASCWI macht der deutsche Markt lediglich einen Anteil von unter 3 % aus.

Schlechte Gründe, um in Heimatwerte zu investieren

Gefühlte höhere Vertrautheit

Vielleicht kauft man aus Überzeugung Produkte eines heimischen, börsennotierten Unternehmens. Vielleicht arbeitet selbst in einem, oder hat Freunde und Bekannte, die in einem angestellt sind. Zudem besteht häufig keine Sprachbarriere bei offiziellen Dokumenten der Unternehmen, die in Englisch und in der Heimatsprache vorliegen. Und womöglich ist das Unternehmen auch in den heimischen Medien präsenter.

Der Home Bias lässt sich also durchaus auf eine größere Präsenz im eigenen Alltag zurückführen. Dass diese erhöhte Präsenz aber nicht zwingend mit einem wirklichen Informationsvorsprung einhergeht, zeigt die Tatsache, dass den meisten Deutschen kaum bewusst ist, dass die Unternehmen im DAX ihren Hauptgewinn nicht in Deutschland machen, sondern in den USA oder in Asien.

Ein persönlicher und emotionaler Bezug zu einem Unternehmen ist also ein schlechter Ratgeber, wenn es um die objektive Verteilung von Chancen und Risiken im eigenen Portfolio geht. Zählen sollten vor allem objektive Fakten zum Unternehmen und ein Vergleich mit dem weltweiten Wettbewerb. Zu diesen Fakten zählen beispeispielsweise die Bilanz des Unternehmens und entsprechende Aktienkennzahlen.

Heimatstolz

Ein simpler Beweggrund, dem Home Bias zu erliegen, kann auch Patriotismus sein. Man ist womöglich stolz auf sein Heimatland und unterstellen ihm in diesem Zuge einen internationalen Wettbewerbsvorteil. Im Falle von Deutschland ist das sogar nachvollziehbar. Als Exportnation ist Deutschland wirtschaftlich sicherlich nicht schlecht aufgestellt. Deswegen sind die im DAX vertretenen Branchen aber auch stark von der weltweiten Konjunktur abhängig. Stagniert diese, hat das direkten Einfluss auf die Geschäftsaussichten der Unternehmen.

In diesem Fall ist also auch Heimatstolz ein schlechter Ratgeber, wenn die Performance der Heimatwerte so stark vom Ausland abhängt. Heimatstolz kannst du bei der Deutschen Nationalmannschaft haben, aber besser nicht an der Börse.

Gute Gründe, um in Heimatwerte zu investieren

Währungsrisiko

Die Investition in ausländische Unternehmen kann es notwendig machen, dass du Wertpapiere in Fremdwährungen kaufen musst.  Dadurch setzt du dich einem Währungsrisiko und der Gefahr aus, durch Währungsschwankungen Rendite einzubüßen. Bei Heimatwerten gibt es dieses Risiko nicht.

Auch Ausländische Aktien sind an deutschen Handelsplätzen in Euro notiert – allerdings umgerechnet nach dem aktuellen Wechselkurs.

Steuern und Kosten

Wertpapiergeschäfte im Ausland können zusätzliche Kosten verursachen. Das Zielland der Investition kann beispielsweise eine Transaktionssteuer erheben.

In Großbritannien wird zum Beispiel die Stamp Duty Reserve Tax, die sogenannte Stempelsteuer, auf Aktiengeschäfte erhoben. Sie beträgt aktuell 0,5 % des Transaktionsvolumens.

Außerdem gibt es in einigen Ländern eine Quellensteuer. Wenn Du beispielsweise Dividenden aus dem Ausland beziehst oder Kursgewinne realisierst, wird die Quellensteuer einbehalten.

Politische und wirtschaftliche Risiken

In bestimmten Märkten können sich politische oder wirtschaftliche Risiken auf die Rendite auswirken. Vielleicht ist dir bereits das “China-Risiko” ein Begriff. Insbesondere in Ländern, die autoritär regiert werden, kann es zu unvorhergesehenen staatlichen Eingriffen, Korruption, Veruntreuung oder Sanktionen aus dem Ausland kommen.

So hat beispielsweise die Einstuftung der USA von einigen chinesischen Unternehmen als “Militärunternehmen” dazu geführt, dass US-Bürger ab 2021 diese Aktien nicht mehr kaufen können. Solche Entscheidungen können die Attraktivität des Unternehmens und damit dessen Kurs erheblich beeinfussen.

Fazit: Den Home Bias vermeiden durch Diversifikation

In einem globalen Portfolio, beispielsweise abgebildet durch einen ETF auf den MSCI All Country World, sind sowohl heimische DAX-Titel als auch Tausende andere Aktien enthalten.

Der Effekt dieser Diversifikation: Das Risiko wegen einzelner Länder, Branchen oder Unternehmen Kursverluste hinnehmen zu müssen, wird stark reduziert. Durch die möglichst breite Streuung deine Vermögens in unterschiedliche Titel weltweit ist deine Rendite nicht mehr nur von einem einzigen Markt abhängig. Mögliche Kursrückgänge in einer Region können dann durch Kursgewinne in einer anderen Region ausgeglichen werden. Auch Politische oder wirtschaftliche Risiken spielen dann nur noch eine untergeordnete Rolle.

Nichtsdestotrotz ist ein Blick auf den Heimatmarkt insbesondere in Deutschland nicht verkehrt. Gerade im DAX sind global aufgestellte und erfolgreiche Unternehmen gelistet. Heimische Wertpapiere sollten dennoch mit guten Gründen und risikobewust ausgewählt werden.

Auch der Umfang der Heimatwerte in deinem Portolfio ist entscheidend. Du kannst dir beispielsweise in Rahmen einer Core-Satellite Strategie einen begrenztem Umfang für Heimatwerte im Depot festlegen und so den Home Bias kontrollieren.

Der Großteil deines Portfolios sollte breit gestreut sein – am besten weltweit.

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