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Wir müssen über Steuern reden: Was jeder Anleger wissen sollte

Das Thema ist alles andere als sexy. Aber vor dem Thema Steuern sollte kein Anleger die Augen verschließen. Denn die Höhe und der Zeitpunkt der Fälligkeit von Steuerzahlungen sollten bei deinen Anlageentscheidungen eine Rolle spielen. Mit welcher Steuerlast du realistisch rechnen musst – und wie sich die Steuerzahlungen auf deinen Investmenterfolg auswirken, erfährst du hier.

Taschenrechner und Stifte, um die Kapitalertragssteuer auszurechnen
Wer erfolgreich Geld anlegen will, sollte sich auch mit Steuern auf Kapitalerträge auskennen.

Wann fallen Steuern beim Investieren an?

Grundsätzlich fallen nur dann Steuern an, wenn du Gewinne, also Kapitalerträge erzielst. Zu Kapitalerträgen zählen:

  • Dividenden
  • Zinsen
  • realisierte Kursgewinne (Verkäufe von Wertpapieren oder Fondsverkäufe)

Für Kapitalerträge fällt die sogenannte Kapitalertragssteuer an. Die Kapitalertragssteuer beträgt pauschal 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und ggfs. plus Kirchensteuer. Um die Zahlung der Kapitalertragssteuer musst du dir übrigens keine Sorgen machen: Sie wird von der Bank automatisch einbehalten und an das Finanzamt abgeführt. Wie viele Steuern du für deine Gewinne zahlen musst, kannst du in deinen Abrechnungen deines Brokers oder deiner Bank nachvollziehen.

Kapitalertragssteuer (KESt)
Abgeltungssteuer25%
Solidaritätszuschlag1,375% (bzw. 5,5% auf die 25% Abgeltungsteuer)
=26,375%
(ggfs. Kirchensteuer)8-9% (der Lohnsteuer)

Bevor Steuern auf Gewinne anfallen, hast du aber noch einen Sparerpauschbetrag.

Expertentipp

Beim Aktienverkauf gilt das Prinzip „first in, first out“. Das heißt, dass zuerst angeschaffte Wertpapiere auch als erstes wieder verkauft werden. Wenn du Aktien in Tranchen kaufst, werden sie zum Zeitpunkt des Verkaufs also steuerlich unterschiedlich behandelt. Dies kannst du zu deinem Vorteil nutzen. Nehmen wir an, du hast 10 Lufthansa-Aktien (Kauf 1) in einem Jahr und ein Jahr später weitere 10 Aktien (Kauf 2) erworben. Willst du nun 15 Aktien nach insgesamt zwei Jahren verkaufen, werden 10 Aktien hinsichtlich der Kursgewinne oder -verluste zum Zeitpunkt von vor zwei Jahren (Kauf 1) versteuert. Die verbleibenden 5 Aktien werden hinsichtlich der Kursgewinne oder -verluste zum Zeitpunkt von vor einem Jahr (Kauf 2) versteuert.

Was ist der Sparerpauschbetrag?

Das Finanzamt gewährt jedem Sparer in Deutschland einen Freibetrag auf Kapitalerträge. Erzielst du Kapitalerträge und übersteigen diese nicht diesen Freibetrag, musst du für diese Erträge keine Steuern zahlen. Dieser Freibetrag beträgt für Ledige 801 Euro im Jahr, für Verheiratete das doppelte, also 1.602 Euro im Jahr.

Kapitalverluste verrechnen

An der Börse macht man nicht immer nur Gewinne, sondern auch Verluste. Diese Verluste aus Kapitalerträgen können mit positiven Einkünften verrechnet werden. Realisierst du also nach dem Verkauf von Aktien einen Verlust, so kannst du diesen Verlust mit Gewinnen aus anderen Verkäufen verrechnen. Spätestens mit deiner Steuererklärung erhältst du zu viel gezahlte Steuern zurück, indem du die Kapitalanlage KAP ausfüllst.

Das Zufluss-Prinzip

Du zahlst Steuern für Gewinne in dem Jahr, in dem du sie realisiert hast. Wenn du beispielsweise einen ETF mit einem Gewinn von 2.000€ nach 4 Jahren verkaufst, zahlst du die gesamten Steuern deiner Kapitalerträge in dem Jahr des Verkaufs. Du kannst die Steuerlast also nicht über 4 Jahre verteilen, wenn du alles auf einmal verkaufst. In diesem Beispiel werden von den 2.000€ der Sparerpauschbetrag von 801€ abgezogen und du würdest auf 1.199€ Gewinn Kapitalertragssteuer (26,375%) zahlen. Für den verbleibenden Betrag von 1.199€ müsstest du also 316,24€ an das Finanzamt zahlen (ggfs. + Kirchensteuer).

Es kann also Sinn machen, dass du Teile deines Depots stückweise über mehrere Jahre verkaufst, um deine Sparerpauschbeträge über die Jahre bestmöglich auszunutzen.

Freistellungsaufträge erteilen: So kannst du Kapitalerträge direkt wieder investieren.

Banken oder Broker in Deutschland führen Steuern, die bei Gewinnen fällig werden, direkt an das Finanzamt ab. Dass dabei Gewinne bis zur Höhe des Sparerpauschbetrags außen vor bleiben, musst du jedoch eigenständig mit einem Freistellungsauftrag sicherstellen. Die entsprechenden Formulare oder Anträge findest du in der Regel direkt im Online-Banking-Bereich deiner Bank oder deines Brokers. Hast du mehrere Konten und Depots, solltest du den Betrag geschickt auf die verschiedenen Institute verteilen, um den Sparerpauschbetrag bestens auszunutzen.

Du hast vergessen, einen Freistellungsauftrag zu erteilen?

Keine Sorge! Wenn du vergessen hast, einen Freistellungsauftrag einzustellen oder im Nachhinein auffällt, die Freibeträge falsch verteilt waren, kannst du dir zu viel gezahlte Steuern später über deine Steuererklärung zurückholen. Dazu füllst du dann einfach die Anlage KAP (Einkünfte aus Kapitalvermögen) aus.

Für Studenten: Bei geringen Einkommen steuern zurückerstatten lassen

Die Anlage des Sparerpauschbetrages auszufüllen lohnt auch, wenn du weniger verdienst und dein persönlicher Steuersatz daher niedriger als 25 Prozent ist. Dazu setzt du ein Häkchen bei der “Günstigerprüfung” in der Anlage KAP in der Steuerklärung.
Das Finanzamt prüft dann, ob du zu viel Steuern gezahlt hast. Bei Einkünften bis rund 16.000 € im Jahr kann das der Fall sein. Wenn deine gesamten Einkünfte sogar unterhalb des Steuergrundfreibetrags liegen (2019: 9.168€ / 2020: 9.408€), musst du gar keine Steuern zahlen. In diesem Fall kannst du beim Finanzamt eine “Nichtveranlagungsbescheinigung” beantragen. Wenn du diese bei der Bank vorlegst, zieht sie auch keine Abgeltungsteuer ein.

Für Stundenten interessant

Die Nichtveranlagungsbescheinigung ist insbesondere für Studenten interessant, die höhere Kapitalerträge haben, jedoch kein Einkommen über 9.408€. Mit dieser zahlst du dann als Student keine Steuern.

Wie werden ETFs besteuert?

Durch die Investmentsteuerreform gibt es seit Anfang 2019 die sogenannte Vorabpauschale. So soll die steuerliche Balance zwischen thesaurierenden und ausschüttenden ETFs schaffen. Diese neue Art der Besteuerung führt dazu, dass die Besteuerung von ETFs einfacher und übersichtlich wird. Es gibt eine jährliche Vorabpauschale auf den gesamten Anlagegewinn, die jedoch ziemlich niedrig ist. Eines bleibt gleich: Der Hauptteil der Steuerlast muss nach wie vor beim Verkauf von Anteilen gezahlt werden.

So wird die Vorabpauschale genau berechnet:

Die Bundesbank setzt jährlich den Basiszins für die Vorabpauschale fest. Im Jahr 2018 waren das beispielsweise 0,87% im Jahr 2019 waren das 0,52%. Dieser Basiszins bildet mit dem Faktor 0,7 (jahresübergreifend festgesetzt) die Vorabpauschale.

Steuern berechnen für einen thesaurierenden (nicht-ausschüttenden) ETF

Nehmen wir an, du hast 10.000€ in einem ETF investiert.

Berechnung der Vorabpauschale
ETF-Wert zum 1.1.201910.000
Basiszins-Faktor0,0052 (oder 0,52%)
festgelegte Faktor0,7
=36,40€

10.000€ * 0,52 * 7 = 36,40 €

Diese 36,40 € sind nun die Vorabpauschale für deinen ETF im Wert von 10.000€.

Angenommen dein ETF hat darüber hinaus eine Wertsteigerung von 400€ erwirtschaftet.

Wertsteigerung im Jahr 2019Vorabpauschale
400€36,40€

Da 36,40€ < 400 € werden nur die 36,40€ als Grundlage für Berechnung deiner Steuer angesetzt.

Umgekehrt wird bei einer Wertsteuerung von nur 20€ > 36,40€ die 20€ Wertsteigerung für die Berechnung deiner Steuerlast angesetzt. Das Finanzamt ist uns zumindest in diesem Fall also immer wohlgesonnen!

Steuern berechnen für einen ausschüttenden ETF

Die Ausschüttungen oder Dividenden, die du mit einem ausschüttenden ETF erhältst, werden grundsätzlich immer gleich versteuert, egal ob der Kurs gestiegen oder fallen ist (siehe oben). Und deswegen müssen wir die Vorabpauschale mit den schon gezahlten Steuern für Dividenden verrechnen. Hier ein Beispiel: Du hast einen Kursgewinn von 400€ und zusätzlich Dividenden von 100€ kassiert.

Wertsteigerung400€
Ausschüttung/Dividende100€
Vorabpauschale (für 2019 auf Grundlade von 10.000€)36,40€

Weil du für deine Ausschüttung bzw. deine Dividende bereits versteuert hast mit 26,375% Abgeltungssteuer (siehe oben) musst du keine weiteren Steuern zahlen, weil 100€ > 36,40€

Wenn du weniger als deine Vorabpauschale ausgeschüttet bekommen hast, musst du nur auf die Differenz Steuern zahlen.

Abgeltungssteuern für ETFs berechnen

Nun kennen wir unsere Vorabpauschale und können unsere Steuerlast berechnen. Dabei gibt es noch eine gute Nachricht. Bei ETFs, die zu über 50% aus Aktien bestehen, sind außerdem 30% der Erträge steuerfrei. Du musst also auf deine Dividenden, auf deine Gewinn beim Verkauf und deine Vorabpauschale nur 70% Steuern zahlen. Wie sieht also nun unsere Berechnung der Steuerlast aus? Wie bleiben bei unserem Beispiel des thesaurierenden ETFs:

Vorabpauschale36,40€
Anteil zu versteuern0,7 (oder 70%)
Abgeltungssteuer0,26375 (oder 26,375%)
=6,72€

Du musst also nur 6,72€ Steuern auf deinen ausschüttenden ETF mit 10.000€ Wert zahlen.

Was ist steuerlich besser: ausschüttend oder thesaurierend?

Da die Vorabpauschale mit dem von der deutschen Bundesbank festgelegten Basiszins derzeit niedrig ist, ist die Steuerlast auf thesaurierende ETFs aktuell sehr gering. Deswegen greift der Steuerstundungseffekt – also das Aufschieben von Steuerzahlungen – nach wie vor.

Durch den Sparerpauschbetrag hast aber die Möglichkeit, durch eine kluge Kombination aus ausschüttenden und thesaurierenden ETFs Steuern nachhaltig Steuern zu sparen. Denn einmal durch den Sparerpauschbetrag (801€) steuerbefreite Gewinne werden nicht noch einmal besteuert. Deswegen solltest du den Sparerpauschbetrag durch die Nutzung von ausschüttenden ETFs am besten jedes Jahr voll auszunutzen, um beim Verkauf möglichst wenig Steuern zu zahlen. Dafür bieten viele Broker eine automatische Wiederanlage an. Diese Wiederanlage sollte unbedingt kostenlos sein, da sonst die Transaktionskosten deine Steuerersparnisse auffressen. So deckt der ausschüttende ETF seine Erträge durch den Sparerpauschbetrag und trotzdem kannst du vom Zinseszinseffekt eines quasi-thesaurierenden ETFs profitieren.

Diese steueroptimierte Art des Anlegens lohnt sich vor allem bis zum vollen Ausreizen des Sparerpauschbetrages, also nur bis zu einem bestimmten Betrag bis ca. 25.000€. Alles weit darüber hinaus kannst du in einen thesaurierenden ETFs anlegen, auf den du die übliche Vorabpauschale zahlst.

Besonders vorteilhaft für ETF-Anleger ist also eine kluge Kombination aus ausschüttenden und thesaurierenden ETFs.

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